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Tourennamen:
Die Psychogramme der Erstbegeher

Es ist schon sehr erstaunlich, wie die verschiedensten Touren von ihren Erstbegehern getauft wurden. Den meisten reichte es nicht aus, die Routen nach gĂ€ngigen Charakteristika wie z.B. Nordwand, Kleine Talwand, SĂŒdriss oder Normalweg zu benennen, sondern sie mussten noch ihren persönlichen Senf dazu geben und gewĂ€hrten uns dadurch ungewollt einen tiefen Einblick in ihr Seelenleben. Kleimbing.de hat sich mal den aktuellen KletterfĂŒhrer „SĂŒdlicher Frankenjura“ von Hans Dieter Brunner (Auflage 1999) vorgenommen und konnte dabei durch eine „tiefenpsychologische“ Untersuchung etliche Psychogramme herausarbeiten. Hier die Ergebnisse:

Oft lernen wir durch die Namensgebung der mitteilungsfreudigen Erstbegeher ungefragt die Namen ihrer Freundinnen kennen (Melanie, FĂŒr Anke, Via Martina, Wild Thing, Bitch, Luder oder auch etwas hochachtungsvoller Dame). Teilweise bekommt man den Beruf des Kletterers kundgetan, wie z.B. Eisenbahnerweg, Nachtschwester Ursula oder Henkerdach.

Andere teilen uns ihre kulinarischen Vorlieben mit (Dampfnudel, Schweizer KĂ€se, Knödel, Schlachtplatte, Joghurt).  Bei einem entstand dadurch das Weißwurstsyndrom, ein anderer beobachtete Die Dynamik des Apfelkuchens. Dass solche Völlerei nicht ohne Folgen bleibt, liegt auf der Hand. Genannt seien hier nur Bauchweh , TrĂ€ge Wampe und Fatboy. Überraschend ist dann allerdings dies: Quallige Jungs heben ab, und das im oberen neunten Grad. Wahrscheinlich hatten diese Feinschmecker vorher einen Powerpudding. Auch von den Öko-Freaks bleiben wir nicht verschont. MĂŒsliman musste irgend so ein bĂ€rtiger Seppl seine Erstbesteigung taufen, nur weil er zum FrĂŒhstĂŒck nichts als Körnerfutter zu essen bekam. Wird diese Route dann auch nur in Birkenstocks zur 8- ?

Bei manchen Bergsteigern kann man sogar auf schwer durchlebte Exzesse von Alkoholkonsum oder gar AlkoholabhĂ€ngigkeit schließen. Aperitif, Pikantus, Schneider-Weizen-Weg, Superwahn, Die Blaue und sogar SĂŒchtl seien hier nur beispielhaft genannt. Kommt auch noch Nikotin dazu, wird dann ein RauchrĂŒlps daraus. Der Bierbauch oder gar die Entzugserscheinung bleiben danach natĂŒrlich nicht aus. Auch das notwendige Accessoire fĂŒr solche Saufgelage findet bei der Benennung von Kletterrouten Verwendung (Korkenzieher , KĂŒhlschrank).  Da lobe ich mir dann doch solche Kletterer, die ihre Kreationen am Fels wesentlich vorbildlicher Isostar, Seven up, Tagessuppe oder Saftpresse nennen.

Überraschend viele Biologen und Zoologen scheint es auch unter den Kletterern zu geben. Routennamen wie Warzenschwein , Gorilla, Cholerische Wanze, BĂ€renflucht und Die Ratten kommen aus den Löchern lassen diesen Schluss zu.

Auch mit ihrem Musikgeschmack halten manche Erstbesteiger nicht hinterm Berg (GötterdĂ€mmerung, Zauberflöte, Amadeus und 105. Sinfonie sowie Metalheadz).  Manche taufen, von ihrem schlechten Musikgeschmack geleitet, ihre Machwerke New kids on the block, New Wave oder gar Mooshammer . Manchmal kommt man sich vor, wie in der Disko b.

Leider finden auch einige AnhĂ€nger von okkulten Machenschaften noch Neuland am Fels, was sich dann in Exorzist, Necronomicon, Teufelstanz, Zombie und Totenvogel Ă€ußert. Da könnten sie ihre Routen doch auch gleich Voodoo oder Das Böse nennen, was sie allerdings auch taten. Manche jedoch haben nicht nur mentale, sondern scheinen auch dentale Probleme zu haben (Zahnweh, Parodontose).

Man kann es kaum glauben, sogar um politische Gesinnungen kundzutun, wird der Bergsport missbraucht. Rechtsradikale grölen Parolen wie Rechts außen, Rechts vor links, Rechte Kante und Rechter Parallelriss. Ein politischer Gegner antwortete im letzten Fall sofort mit dem Linken Parallelriss.

Interessant sind die Neurouten, die nach anatomischen Besonderheiten ihrer Erstbegeher benannt wurden.  Hervorheben möchte ich hier Eisenfinger, Hals ohne Kopf, Kanal im RĂŒcken und Zwei Eier, wobei ich letzteres noch normal finde. Hier kann teilweise dann nur noch der Arzt helfen, doch ob da eine Infusion oder Lexotanil noch helfen? Manchmal ist der Hirntod leider unausweichlich.

Auch ihre sexuellen Neigungen und Abartigkeiten verkĂŒnden uns manche Klettersportler. Da hört man dann vom Rammelpfeiler, dem Kurzprogramm, vom Strich und vom ZuhĂ€lter, vom Pin up Club und vom Tittitwister . Einer steht auf Teenies, ein anderer hat eine Ejaculatio PrĂ€cox . Und das am Fels! Doch was sollen uns bitte schön Lochschwager, Die HĂ€rte oder Fingerloch sagen? Dann doch lieber ganz direkt Lochwand. Sogar Homosexuelle sind unterwegs, Routen wie Hey Kleiner und Mannesplatte zeugen davon. Auch Sado-Maso-AnhĂ€nger scheinen neue Routen zu eröffnen. Wie sonst kommen Routennamen wie Nadelriss oder Dornenriss zu Stande?

Sogar die Ă€ltere Generation betĂ€tigt sich noch fleißig bei der Namensvergabe. hervorzuheben sind hier Je oller desto doller , Oma hupf, Rentnerweg und Oldtimer sowie natĂŒrlich Wehe wenn sie losgelassen. Auch Literaten (Kleines graues Buch , Der kleine Prinz) und Cineasten (Mad Max, Der Name der Hose , Chuck Norris, Conan) waren aktiv.

Bei Erstbegehern kann man des öfteren auch auf ein gehöriges Maß an Arroganz stoßen. Sie benennen glatte Achter mit Easy warm up, fĂŒhlen sich als Superstilzchen und reden von Elitetreffen und Triumphbogen . Was sind das fĂŒr Leute, die eine Route im achten Grad Pipifax taufen? Nicht zu vergessen die ĂŒberhebliche, jedoch vielleicht schon leicht selbstkritische Benennung der Route GrĂ¶ĂŸenwahn. Ein anderer gibt dem potentiellen Wiederholer noch den Spruch Dein Problem mit auf den Weg. Da kann ich die Benennung Beam me up schon besser verstehen.

Ein weiteres dunkles Kapitel in der Nomenklatur von Kletterwegen ist die schamlose Werbung. Einige korrupte Erstbegeher ließen sich von zwielichtigen Geldgebern zu Routennamen verleiten wie Weißer Riese, Petzl, Michas Gartencenter und Unox.  Auch mangelhafte Kenntnisse in Fremdsprachen findet man (Los Wochos), die Pisa-Studie lĂ€sst grĂŒĂŸen.

Zum GlĂŒck waren auch ein paar Optimisten bei der Namensvergabe beteiligt. Ihre fröhlichen Charaktere vergaben die Namen So ein Spaß , I bin so froh und König. Mit diesem positivem Ansatz kommen wir dann auch zum Ende der Analyse, so wie auch viele Erstbegeher mit Letzter Streich, Der letzte Zug (oder wollte der mit dem Rauchen aufhören?), Zeit des Abschieds, R.I.P.,
         ...und tschĂŒĂŸ!

Ulrich Schlieper, November 2002

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